Hausgemachte Probleme: der Fachkräftemangel
Seit Jahren wird von Politik und Unternehmen der angeblich drohende Fachkräftemangel beklagt. Um den Auswirkungen des vermeintlichen Mangels entgegen zu wirken, setzt die Politik auf eine Reihe von Maßnahmen, welche die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands sichern sollen.
Um dem demographischen Wandel entgegen zu wirken wird der Ruf nach ausländischen Fachkräften immer lauter. Die Blaue Karte, das europäische Pendant zur amerikanischen Green Card, soll den Weg von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten in die EU ebnen. Man ist stolz die Lebensarbeitszeit auf 67 erhöht und das Alter für den Berufseinstieg dank neuer Studienabschlüsse auf 27 Jahre gesenkt zu haben. Auch der „Kita-Ausbau sowie weitere Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf können die Realisierung von Kinderwünschen künftig zumindest einfacher machen.“ All dies konstatiert das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.Was dabei jedoch übersehen oder auch bewusst verschwiegen wird: Deutschland ist kein besonders migrantenfreundliches Land und auch die Blaue Karte hat Zugangsbeschränkungen, die an Gehalt oder Herkunftsland gebunden sind. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen hat sich zwar von 45,5 Prozent in 2005 auf 59,9 Prozent in 2011 erhört, doch nach über 30 Jahren Berufsleben fällt die Arbeit nicht mehr so leicht wie zu Beginn der Karriere. In der Realität nehmen körperliche Gebrechen ab 60 deutlich zu, unabhängig davon ob die geistigen Fähigkeiten oder der Arbeitswille noch voll vorhanden sind. In der Folge rechnen viele über 60 Jährige ab, wann sie sich einen Ausstieg aus dem Berufsleben leisten können, d.h. wie viel Rentenabschläge sie bei einem immer höheren Rentenalter verkraften können. Im Gegensatz dazu kämpfen Uni-Absolventen darum einen Weg ins Berufsleben zu finden ohne dabei jahrelang kostenlose oder gering bezahlte Praktika absolvieren zu müssen. Da ist der Studienabschluss mit 27 Jahren zwar eine schöne Zahl auf dem Papier, bedeutet aber nicht zwangsläufig die finanzielle Unabhängigkeit. Dass Akademiker, wenn überhaupt, die Familienplanung auch weiterhin erst sehr spät in Angriff nehmen, verwundert unter diesen Bedingungen also nicht. Daran ändert auch der längst überfällige Kita-Ausbau nichts. Um Akademikerinnen zum Kinder kriegen zu animieren müssen zunächst die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Der problemlose Wiedereinstig ins Berufsleben, flexible Arbeitszeiten, Home Office, gleicher Lohn wie ein männlicher Kollege und nicht zuletzt das Verständnis vom Arbeitgeber sind Grundvoraussetzungen um auch das Potential von Akademikerinnen mit Kindern voll ausschöpfen zu können. Da ist das Betreuungsgeld das falsche Signal.
Dabei ist bei allen aufgezählten Maßnahmen strittig, ob es einen Fachkräftemangel überhaupt gibt. Zwar spricht das Institut der deutschen Wirtschaft in ihrem Lieblingsbeispiel von mehr als 100.000 fehlenden Ingenieuren im Frühjahr 2012, doch ist die Methode zur Datenerhebung umstritten. „Das verwendete Verfahren ist so angelegt, dass sich aufgrund des Weglassens wichtiger Bestandsgrößen und bedeutender Bewegungsvorgänge auf dem Arbeitsmarkt nahezu zwangsläufig ein Fachkräftemangel ergeben muss.“ weiß Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Er kommt zu dem Schluss: „Generell unterscheidet sich der Arbeitsmarkt nicht von den Gütermärkten. Bei entstehenden Knappheiten steigen die Preise, auf dem Arbeitsmarkt sind es die Löhne. Alle verfügbaren Indikatoren lassen allerdings keinen ausgeprägten Anstieg der Löhne für qualifizierte Arbeit erkennen. Vielmehr war zuletzt eher eine Stagnation oder gar eine Verringerung der Reallöhne selbst bei qualifizierter Arbeit zu verzeichnen. Das gilt auch für Ingenieure.“ Da sich ein größeres Arbeitskräftepotenzial also negativ auf Löhne und Gehälter auswirkt, erscheint die Motivation der Unternehmer, die Fahne des Fachkräftemangels hochzuhalten und kräftig zu schwenken, aus ihrer kapitalistischen Sicht durchaus plausibel.
Wenn es also tatsächlich einen Fachkräftemangel gibt, dann nicht flächendeckend sondern strukturell bedingt. Ein Beispiel sind Gesundheits- und Pflegeberufe. Der verordnete Druck der Kosteneinsparung wirkt sich hier besonders deutlich aus. Geringe Gehälter und schlechte Arbeitsbedingungen sind nur wenig attraktive Arbeitsbedingungen. Abwanderungen der Fachkräfte ins Ausland sind daher keine Seltenheit mehr.
Das Problem des Fachkräftemangels in Deutschland erscheint also hausgemacht, das zeigen nicht zuletzt die geringen Zuwanderungszahlen von Fachkräften nach Deutschland. Statt zweifelhafte Maßnahmen zu feiern, sollte sich die Bundesregierung lieber um eine bedarfsorientierte Bildungsförderung, genügend Ausbildungsplätze, eine gerechte Bezahlung, gute und kinderfreundliche Arbeitsbedingungen und eine flächendeckende Kinderbetreuung bemühen. Da Selbstverpflichtungen in der Ökonomie nichts bringen, darf hier auch vor gesetzlichen Bestimmungen, z.B. beim Mindestlohn, nicht halt gemacht werden.
