Pangasius sucks

Ich konnte es wirklich nicht glauben. Nach Jahren, in denen ich mit schlechtem Gewissen wegen meines hohen Fischkonsums vor Kuttern und Tiefkühltruhen in Supermärkten stand und intensiv den unterirdischen Umgang mit der Ressource Meer verfolgt habe, machte mich diese Meldung fassungslos:
Saßnitz (OZ/dapd) - Rund 70 Tonnen ökozertifizierter Ostsee-Dorsch sind mit EU-Subventionen vernichtet worden.
Begründung? Zu wenig Abnehmer. Trotz Niedrigstpreisen von 68 Cent pro Kilo (normal und kostendeckend für die Fischer wäre über ein Euro) hätte niemand Interesse an diesem hochwertigen und regionalen Lebensmittel gezeigt. Stattdessen wanderten die Dorsche in die Fischmehlfabrikation.
Wo aber 68 Cent pro Kilo immer noch zu teuer sind, muss es eine billigere Alternative geben, die höhere Gewinne verspricht. Die hat der Handel im massenweisen Import von Pangasius (Haiwels) aus Vietnam gefunden. Das die Haltung und Aufzucht der Fische dort zu einer großen Belastung der Umwelt geworden ist – wen interessiert’s?
Statt Lebensmittel aus der Region anzubieten, landet dann eben ein Fisch in den Tiefkühltruhe bei Netto und Co., der tausende Kilometer hierher geschippert werden musste. Ökobilanz? Vernichtend!
Es ist völlig richtig, das der Verband der deutschen Küstenfischer eine Importbegrenzung für Pangasius verlangt – das löst jedoch nicht das Hauptproblem.
Was das ist? Meiner Meinung nach mangelnde Eigenverantwortung.
Der Blick auf das Biosiegel sollte nicht allein Kaufentscheidung sein, den die Länge und Art des Transportes spielt bei der Vergabe keine Rolle. Vielmehr ist die Frage entscheidend: Wo kommt das Essbare, das ich gerade in der Hand halte und demnächst verzehren will, eigentlich her. Biolammfleisch aus Australien kann auf dem australischen Markt durchaus Bio sein, auf dem Tisch eines Mitteleuropäers jedoch nie und nimmer.
Birnen aus Chile, Äpfel aus Südafrika, Pangasius aus Vietnam. Das ist wider den gesunden Menschverstand. Warum kaufen wir sowas? Weil es da ist?
Niemand verlangt von uns, dass wir auf Avocados aus Brandenburg bestehen. Aber wenn wir alle das berühmte „think global, act local“ ein bisschen mehr beherzigen würden, müssten unsere eigenen wertvollen Lebensmittel nicht vernichtet werden, ich hätte was von den 70 Tonnen Dorsch abbekommen, mein Tiefkühler wäre jetzt voll und die Welt in Ordnung.
Gebloggt hat heute Ronny aus dem Rostocker Büro.
Kommentar(e)
Freie Marktwirtschaft?
"Niemand verlangt von uns, dass wir auf Avocados aus Brandenburg bestehen. Aber wenn wir alle das berühmte „think global, act local“ ein bisschen mehr beherzigen würden, müssten unsere eigenen wertvollen Lebensmittel nicht vernichtet werden, ich hätte was von den 70 Tonnen Dorsch abbekommen, mein Tiefkühler wäre jetzt voll und die Welt in Ordnung." Klingt stark nach FDP... Der Kosument soll dieses Problem durch sein Kaufverhalten -also der "Markt"- lösen? Den Konsumenten interessieren die Herkunft oder die ökologischen Folgen nicht, egal wie transparent der Markt ist, hauptsache die Produkte sind billig! Den Konsumenten schreckt ja nichtmal Sklavenarbeit vom Konsum bestimmter Waren ab. Solche Missstände brauchen staatliche Lösungen. MfG
