Letzte Nachrichten

11. Dezember 2014
Reich genug für Olympia?
18. August 2014
Einen Stein ins Rollen bringen
15. August 2014
Probleme sind nur, was wir dafür halten
13. August 2014
Erinnerung an Lothar
 
 

Blogrolls

 

Archiv

 

Kopieren Sie diesen Link in Ihren RSS-Reader

RSS 0.91Nachrichten
RSS 2.0Nachrichten
 
11. Dezember 201412:36

Reich genug für Olympia?

Olympische Spiele in Rostock. Als sportbegeistertes Kind dieser Stadt ist das für mich eine schöne Vorstellung. Aber natürlich wird daraus nie etwas werden. Die Winter sind nicht kalt genug und die Berge zu flach. Also fallen Winterspiele aus. Und für die Austragung Olympischer Sommerspiele ist diese größte Stadt Mecklenburg-Vorpommerns dann aber immer noch deutlich zu klein. 

Es wird also nie Olympische Spiele in Rostock geben. Das muss zunächst festgehalten werden. Aktuell geht es darum, ob sich die Hansestadt Rostock als Austragungsort der Wettkämpfe im Segelsport für eine deutsche Bewerbung mit Hamburg oder Berlin für 2024 oder 2028 bewerben soll. Gelegentlich bekommt man derzeit den Eindruck, es ginge um erheblich mehr.

So wird immer wieder auf die drei Milliarden Zuschauer an den Fernsehschirmen weltweit erinnert. Richtig, die gibt es bei Olympischen Spielen. Aber die Zahl ist für alle Veranstaltungen der Spiele zusammen, nicht für die Segelwettbewerbe. Wo waren eigentlich die Spiele 2012? Ja, London ist richtig. Und wo fanden sie Segelwettbewerbe statt? Nein, nicht in London. Etwa 190 Kilometer entfernt in der Nähe von Weymouth. Zugegeben - ich habe das auch nicht gewusst. Wie groß ist also die Chance, dass es wirklich eine weltweite Bekanntheit für Rostock geben würde? Diese Frage stellt sich, weil auch das Argument immer wieder zum Einsatz kommt. Wir sollten da also auch nicht übertreiben.

Nun hat die Hansestadt Rostock eine Machbarkeitsstudie vorgelegt. Darin kommen die Autoren zu der Erkenntnis, dass allein für die Sportstätten 32,5 Millionen Euro benötigt werden. Ob die nach den Spielen weitergenutzt werden können und wie hoch dann die jährlichen Kosten sind, ist mir noch nicht bekannt. Zunächst müsste aber diese große Summe ausgegeben werden. Dazu kommen die Investitionen in ein Olympisches Dorf, der Ausbau der Infrastruktur und all die Sachen, an die heute noch keiner denkt.

Natürlich wird es zusätzliche wirtschaftliche Effekte geben. Kann man die tatsächlich heute schon so genau abschätzen? Da melden sich Experten und verraten uns, dass mindestens 1.000 neue Jobs entstehen werden und mehr als eine halbe Milliarde Euro zusätzlicher Umsatz in die Stadt kommen. Ich hätte nichts dagegen. Aber ich möchte nach dem Preis fragen.

Zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit berichtet der Oberbürgermeister, was sich Rostock alles nicht leisten kann. Ein Theater für 16,6 Millionen Euro ist ihm zu teuer. Ein Neubau dafür dürfe höchstens 40 Millionen kosten, wenngleich seriöse Planungen von einem Bedarf um ca. 60 Millionen Euro ausgehen. Ein neues Kongresszentrum als Ersatz für die altersschwache Stadthalle, das der Stadt und dem Umland dauerhaft Kongresse, attraktive Konzerte und große Sportveranstaltungen bieten kann, ist ihm zu teuer. Ein Ersatz für die völlig veraltete Eishalle? Zu teuer. Diese Liste ließe sich noch ein ganze Weile fortsetzen. Immer wieder kommt die Aussage, es sei kein Geld da und der Innenminister pflichtet sofort bei und verlangt, dass Rostock seine Steuern erhöhen müsse, um zu Geld zu kommen.

An dem Punkt spätestens muss man nachdenklich werden. Es spricht doch wirklich nichts dagegen, die Stadt etwas hübscher zu machen und Teil Olympischer Spiele zu sein. Aber so etwas sollte nicht anstelle der notwendigen und alltäglichen Aufgaben der Stadt gehen. Entweder können wir es zusätzlich schaffen, oder wir sollten es lassen. Wie groß wird denn das Engagement der Landesregierung sein? Übernimmt sie die Ausbaukosten für die Sportstätten? Oder muss dann in der Hansestadt geklärt werden, welche Sporthalle nicht saniert, welche Schule nicht neu gebaut wird? Stirbt der Theaterneubau dann endgültig? Als Sportminister "Ja" zu sagen und als Kommunalminister dann die Daumenschrauben anzuziehen, weil Rostock ein Haushaltsproblem bekommt, kann nicht der Weg sein. Überraschend wäre es aber leider nicht.

Führen wir bitte eine Debatte darüber, ob Rostock sich als Austragungsort der Olympischen Segelwettbewerbe bewerben soll. Aber diskutieren wir die Fakten und nehmen wir eine Anleihe beim Eiskunstlauf: Erst die Pflicht und dann die Kür.

BlogPermalinkKommentare 0
Anzahl Aufrufe: 1180

Einen Stein ins Rollen bringen

Peter Stein ist Mitglied des Deutschen Bundestages und CDU Mitglied. In der letzten Woche hat er es mit einer inhaltlichen Forderung in die Zeitungen geschafft. Die Landesregierung müsse die Mehrgenerationenhäuser endlich fördern, so Stein.

Wir halten fest: Ein CDU-Abgeordneter fordert eine Landesregierung auf (an der seine Partei beteiligt ist), die Finanzierung eines Projektes zu übernehmen, aus dem sich die Bundesregierung (an der seine Partei beteiligt ist) zurückziehen will. Wozu denn eigentlich? Statt Pressemitteilungen an die Zeitungen, könnte man doch entsprechende Briefe an die Parteifreunde, die in Verantwortung sind schicken. Die Pressemitteilung kann dann verschickt werden, wenn man erfolgreich war. Oder liegt es daran, dass beide zuständigen Ministerien von der SPD geführt werden und man sich dann auf Kosten des Koalitionspartners zu profilieren versucht? Das würde allerdings den Betroffenen wenig helfen. Unterstützung ist da aber dringend nötig.

Die Mehrgenerationenhäuser (MGH) wurden als Modellprojekte des Bundes von der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen ins Leben gerufen. Für vier bis fünf Jahre finanzierte das Familienministerium eine Personalstelle und zudem ein paar Sachkosten. Damit sollte der Aufbau von Ehrenamtsstrukturen gefördert werden. Nach Auslaufen der Projektphase* sollten Länder und Kommunen die Finanzierung allein stemmen. Über die Möglichkeiten der meisten Städte und Gemeinden das zu tun, muss hier nicht geschrieben werden. Der Wille der Länder Aufgaben des Bundes zu übernehmen, ohne konkrete Gegenleistungen zu erhalten, ist auch beschränkt.

Genau daran krankte das Projekt von Beginn an. Es wurde etwas aufgebaut, das dabei helfen sollte wenigstens ein Mindestmaß an sozialer Infrastruktur aufzubauen oder zu erhalten. Dass nach Ablauf der Projektphase etliche Kommunen die MGH schließen müssen, weil sie die Finanzierung nicht stemmen können, war mit dem Start des an und für sich guten Projektes klar. Bereits in den letzten Jahren mussten viele Kommunen ein Viertel der Kosten selbst tragen. Der Bund machte ein Zugeständnis und akzeptierte auch „unbares Engagement“. Zum Beispiel wurde angerechnet, wenn eine Immobilie kostenfrei genutzt werden konnte. Das eigentliche Problem wurde damit aber noch immer nicht gelöst. Die Kommunen haben zu wenig Geld für ihre Aufgaben im Bereich der sozialen Arbeit. Es fehlen entsprechende Beschäftigungsmodelle und Räume, um gerade in sozial benachteiligten Gebieten gute Arbeit leisten zu können.

Vielleicht engagiert sich ja der Abgeordnete Stein etwas intensiver, wenn er merkt, dass es mehr braucht als eine Pressemitteilung und bringt etwas ins Rollen. Noch gibt es im Wahlkreis Rostock drei MGH. Noch.

*Laut Bundeshaushaltsordnung darf der Bund keine Aufgaben dauerhaft fördern, die nicht in seinem Zuständigkeitsbereich liegen. MGH sind klassische Aufgaben für Kommunen und Länder. Einzig um gesellschaftlich sinnvolle und durch den Bund gewollte Dinge anzuschieben oder auszuprobieren, darf der Bund über einen Zeitraum von 3-5 Jahren derartige Projekte fördern.

15. August 201415:52

Probleme sind nur, was wir dafür halten

Schwierigkeiten einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen, gibt es wahrscheinlich auf der ganzen Welt, aber auf keinen Fall in Mecklenburg-Vorpommern. Die Kassenärztliche Vereinigung hat eine Umfrage unter niedergelassenen Ärzten im Land durchgeführt. Welche Fragen genau gestellt wurden, ist nicht öffentlich bekannt. Das Ergebnis dieser Befragung ist es und es überrascht. Wenn es überhaupt Schwierigkeiten geben sollte, dann liegt es daran, dass fünf bis zehn Prozent der Patienten nicht zu ihren vereinbarten Terminen erscheinen und so könnte es vielleicht manchmal zu Wartezeiten kommen.

Wer nach Auffassung des Hausarztes dringend behandelt werden muss, könne sich binnen eines Tages einem niedergelassenen Facharzt vorstellen. Das sei sicher, so erklärt die Kassenärztliche Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern und sie legt nach: alle anderen würden binnen vier Wochen einen Termin erhalten. Vielleicht liegt genau hier das Problem, das Missverständnis. Man bekommt innerhalb von vier Wochen einen Termin, die Frage ist nur, ob dieser Termin noch innerhalb des selben Kalenderjahres liegt.

Zurück zur Sachebene. Woher kommt diese massive Weigerung, das Problem der Unterversorgung mit Fachärzten einzugestehen? Ich erinnere mich an viele Artikel, in denen auch die Ärzteschaft immer wieder über den Mangel an Nachwuchs in kleinen Städten und dem ländlichen Raum klagte. Jetzt gibt es aber kein Problem mit der Versorgung?

Der Grund wird wohl ein anderer sein. Die Bundesregierung will an das Problem heran, dass die Wartezeiten für Kassenpatienten auf einen Termin bei Fachärzten zu lang sind. Ob die Mittel und Wege, die Gesundheitsminister Gröhe da vorschlägt, geeignet sind, sei dahin gestellt. Vielleicht stimmt es, dass die A- und B-Überweisungen, die es in Mecklenburg-Vorpommern gibt, ein geeignetes Mittel sind. Aber diese Umfrageergebnisse und die Schlussfolgerungen dürften mit den wenigsten Erfahrungen der Menschen in diesem Land übereinstimmen. Lasst uns über sinnvolle Wege reden. Aber bitte ohne den jeweils anderen für dumm zu halten.

Für ein Familienmitglied brauchten wir gerade einen Facharzttermin. Den haben wir in der vergangenen Woche ohne Probleme bekommen. Für Januar 2015.

13. August 201423:47

Erinnerung an Lothar

Es gibt natürlich an 365 Tagen im Jahr Ereignisse, die von Bedeutung sind. Heute ist der 13. August, ein Tag, der erstaunlich viel vorzuweisen hat. So einige bekannte Persönlichkeiten wurden an diesem Tag geboren: Karl Liebknecht, Fidel Castro oder auch Alfred Hitchcock, Moritz Bleibtreu und Heike Makatsch. Der Maya-Kalender soll seinen absoluten Nullpunkt an einem 13. August haben. Der Ring der Nibelungen wurde erstmals am 13. August 1876 aufgeführt, das Kriegsrecht im Iran 1978 ausgerufen, der fürchterliche Kindermörder Marc Dutroux 1996 verhaftet. Und natürlich ist der 13. August in Deutschland der Tag des Mauerbaus. Im Jahr 1961 schloss die Führung die Grenzen und begann mit der Errichtung dieses Symbols der Unfreiheit.

Doch alles das ist seit letztem Jahr nicht mein größter Bezug zu diesem Datum. Unvergessen ist die SMS eines Freundes, mit der ich die Information bekam, dass Lothar tot ist. Ich wollte es nicht glauben, aber es wurde immer mehr wahr.

Sehr oft wurde ich nach Vorbildern gefragt. Da gibt es für mich nur ganz wenige. Viele liebe Menschen, die ich kenne, haben Beachtliches geleistet und dafür respektiere ich sie. Mit Lothar Bisky war und ist das anders. Er hat zugehört und er hat etwas gesagt. Ganz oft hat er erzählt und dabei mehr gesagt als viele, die lange geredet haben. Beim Geburtstag eines gemeinsamen Freundes haben wir mit unseren Frauen einen langen gemeinsamen Abend gehabt. Was für ein Geschenk! Almuth und Lothar erzählten so viele Geschichten aus ihrem Leben. So vieles davon hilft dabei, die eigenen aktuellen Sorgen gelassener zu sehen.

Natürlich ist auch der Politiker Lothar Bisky einzigartig. Mit großer Ruhe, immer an die Partei und die Sache denkend, nicht sich selbst im Mittelpunkt sehend, agierte er. Seine Macht zu nutzen, mochte er nicht, lieber überzeugte Lothar. Weil er es konnte. Und er dachte nicht nur an morgen. Übermorgen war ihm immer wichtiger. So habe ich ihn erlebt. Als einen Menschen, der nicht aufhören wollte an das Gute zu glauben, auch wenn er oft genug Grund hatte damit aufzuhören. Als einen Freund, der zuhört, der Ratschläge nicht gibt, um sein Wissen zu beweisen, sondern um zu helfen. Als einen Menschen, der seine Prinzipien und seine Schwächen hat. Beide waren nie ein Geheimnis.

Er fehlt mir und dieser Partei. Aber Lothar Bisky gab es nur einmal. Halten wir ihn Erinnerung und versuchen wir ab und zu nachzudenken, was er jetzt getan hätte. Denn Lothar Bisky war und ist ein Vorbild.

BlogPermalinkKommentare 0
Tags: lothar bisky
Anzahl Aufrufe: 1147
11. August 201412:56

Demokratie braucht Vielfalt

Die kommunalpolitische Vereinigung der CDU in Mecklenburg-Vorpommern fordert eine neue Sperrklausel für Kommunalwahlen. In einem Brief an den Landesvorsitzenden ihrer Partei, Lorenz Caffier, spricht sie sich für die Wiedereinführung einer 3%-Hürde aus und plädiert gleichzeitig für die Abschaffung der Direktwahl von LandrätInnen und BürgermeisterInnen. 

Nicht alle Argumente der Konservativen sind von der Hand zu weisen. Es stimmt, die Arbeit in den Gemeindevertretungen und Kreistagen ist schwerer geworden, seit es mehr Vielfalt gibt. Aber offenbar existiert ein ganz wesentlicher Unterschied in der Herangehensweise an Kommunalpolitik. Den CDU-Leuten geht es nach eigener Aussage vor allem darum, „stabile Mehrheiten“ zu schaffen. Das macht das Arbeiten bequem, aber längst nicht immer gut. Die Gefahr, dass „durchregiert“ und nicht zwingend nach der besten Lösung gesucht wird, ist akut. Gerade haben Union und SPD das im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte auf negativ beeindruckende Weise bewiesen. Sie bildeten eine Koalition und grenzten alle anderen Fraktionen des Kreistages mit ihrer Stimmenmehrheit bei den Ausschussvorsitzen aus. Das mag bequem sein, der Demokratie und der Meinungsvielfalt dient das nicht.

Genau dieses Agieren ist es doch aber, das zu einer großen Verdrossenheit und Wahlverzicht bei den einen führt. Bei den anderen ist das Ergebnis die Bildung eigener WählerInnenbündnisse. Das stumpfe Durchstimmen der mit dem Koalitionspartner vereinbarten Linie ist eben nicht attraktiv und degradiert die kommunalen MandatsträgerInnen letztlich zu „Stimmvieh“. Das muss aufhören!

Verlässlichkeit und Berechenbarkeit ist auch und gerade in der Kommunalpolitik wichtig. Das gilt aber nicht nur für die Fraktionen. Es ist ebenso wichtig für die einzelnen, immerhin in Personenwahl bestimmten MandatsträgerInnen. Genauso bedeutend ist aber, dass Entscheidungen transparent und nachvollziehbar sind. Genau hier liegt nach meiner Erfahrung das große Problem, hier muss sich etwas ändern. Wählerbündnisse sind da oft nicht besser als die Parteien, ihnen nimmt man Intransparenz aber offenkundig nicht so schnell übel. Gelingt es den Parteien nicht, mehr Offenheit und Attraktivität zu erzeugen, wird sich dieser Trend nicht umkehren. 

Die Antwort auf die Zersplitterung der Kommunalvertretungen heißt nicht, neue Hürden für Engagement aufzubauen. Sie heißt Vielfalt ermöglichen. In echten Volksparteien muss es sogar möglich sein, dass GegnerInnen und BefürworterInnen eines Projektes gemeinsam in einer Fraktion sitzen. Im Volk kommt das vor, dann muss es in Volksparteien auch gehen.

Im Oktober 2001 beschloss der Bundestag mit den Stimmen der Abgeordneten der CDU, FDP, SPD und der Grünen die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Afghanistan. Dagegen stimmte nur DIE LINKE. Seitdem sind 53 Bundeswehrsoldaten gefallen, über 160 wurden verwundet und stellenweise verstümmelt, ca. 1800 leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Wie viele Afghanen dem Krieg bisher zum Opfer gefallen sind, weiß wohl niemand so genau.

Für Verteidigungsminster de Maiziere ist die Zeit nun reif für einen Veteranengedenktag, an dem vor allem die Bundeswehrsoldaten geehrt werden sollen, die im Auslandseinsatz waren. Am besten in Anlehnung an den Volkstrauertag. Warum ihm diese Idee ausgerechnet zum zehnjährigen Jubileum der Bundeswehr bezüglich der Beteiligung an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg kommt, läßt er offen. Stattdessen verweist er auf die Verdienste der Soldaten und auf militärische Erinnerungskultur in anderen Ländern, vorzugsweise den USA.

Die Argumentation dabei ist reichlich krude: Kommt die Bundeswehr aus einem Auslandeinsatz zu rück und hat Tote und Verletzte vorzuweisen, kann man über einen Gedenktag nachsinnen. Humanitäre Einsätze wie der in Kambodscha 1992 oder die Hilfe beim Elbehochwasser 2002 scheinen dafür nicht zu reichen.

Was also soll dass werden? Ein Tag, der in bester deutscher Tradition eine militaristische Erinnerungskultur erzeugen soll?

Es ist zu bezweifeln, ob die Mehrheit der Deutschen das begrüßen würde. Von den Angehörigen der verwundeten und verletzten Soldaten ganz zu schweigen. Den Familien der mit PTBS ( posttraumatische Belastungsstörung) Heimgekehrten wäre eine Anerkennung von PTBS durch die Bundeswehr, und eine daraus resultierende, vernünftige medizinische Versorgung sicherlich lieber, als ein pathetischer „Gedenktag“

Doch wenn es ums Praktische geht, kann der Dienstweg auch schon mal länger werden. 18 Monate braucht es im Schnitt, um PTBS zu erkennen und die Behandlung anzuordnen. Eine Zeit, in der viele Betroffene und ihre Familien mit der Krankheit und ihren Folgen allein gelassen werden.

Das ist beschämend und eines Staates unwürdig, der nach außen keine Gelegenheit versäumt, seine Soldaten und ihren Einsatz am Hindukusch hochleben zu lassen.

Es bleibt der Eindruck, das es hier vor allem um die Installierung eines Gedenktages geht, der das Militaristische wieder zum Alltäglichen und die Beteiligung an Kriegseinsätzen zum Normalzustand erhebt.

Belassen wir es doch lieber beim Volkstrauertag. Der gedenkt nämlich aller Kriegsopfer – Zivilisten wie Soldaten.

15. Februar 2012

Zum Schnäppchenpreis

Die Familienministerin Kristina Schröder hält mich auf Trab. Die letzten Tage zum Beispiel hat sie mir mit immer neuen Meldungen zum Betreuungsgeld interessante Denksportaufgaben gestellt.Beschlossene Sache ist, dass Eltern, die für ihre Kinder keinen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen wollen, sollen von 2013 an 100 Euro monatlich erhalten. Von 2014 an sollen 150 Euro für ein Kind im Krippenalter fließen. Kosten: rund 2,2 Milliarden Euro. Über Sinn oder Unsinn des geplanten Betreuungsgeldes wurde schon viel gestritten. Ob bei Nichtinanspruchnahme eines Krippenplatzes die frühkindliche Bildung auf der Strecke bleibt oder ob Familien mit Migrationshintergrund bei der Erziehung zu Hause es ihren Kindern erschweren, Deutsch zu lernen. Gestritten wird auch darüber, wer die  staatlichen Leistung bekommen soll - ob beispielsweise Hartz-IV-Empfänger ausgeklammert werden. Man will weder diejenigen belohnen, die ihre Kinder nicht in Kindertagestätten geben, noch diejenigen fördern, die genau das tun. Hinzu kommen beinahe täglich ein neue Ideen aus den Reihen der Regierungsparteien, an welche Bedingungen die Inanspruchnahme des Geldes geknüpft ist und auch die Nichtinanspruchnahme. Aber all das gibt's natürlich nicht umsonst und obendrauf. Durch weitere massive Kürzungen beim Elterngeld könnte nämlich das Betreuungsgeld finanziert werden. Und wer sich trotz all dieser Anreize doch gegen das Kinderkriegen entscheidet, soll dafür zur Kasse gebeten werden.  Eine Gruppe CDU/CSU Abgeordneter schlug beispielsweise vor,  Kinderlose über 25 Jährige sollen ab 2013 mit einer Abgabe für eine "solidarische Demografie-Rücklage" zu belasten.


Verwirrt? Ich übersetze:
Für 150 Euro im Monat entscheiden sich Eltern gegen eine berufliche Perspektive für beide Eltern. Und auch gegen eine Rückkehr in die straffen Bachelor- und Masterstudiengänge, denn wer sich mit Anfang oder Mitte Zwanzig für Kinder entscheidet, steckt meistens noch im Studium oder der Ausbildung. Wie die Arbeitsmarktlage aussieht für jemanden der zwei drei Jahre aus dem Beruf raus ist  oder nach der Ausbildung nicht erst mal viele Jahre an der Karriere gefeilt hat, braucht man nicht mehr zu erklären. Und auch im 21. Jahrhundert wird dies hauptsächlich Frauen treffen und ganz besonders hart die Alleinerziehenden. Für 150 Euro im Monat gibt man die Möglichkeit auf, das Kind von Anfang an pädagogisch zu begleiten und gemeinsam mit anderen Kindern aufzuwachsen lassen. Und nein, es ist für viele keine Wahlfreiheit. Die Frage ist immer noch, ob überhaupt ein Kitaplatz zur Verfügung stehen würde. 150 Euro im Monat spendiert die Regierung auch all denjenigen, die sich trotz ausreichendem Einkommen für eine Betreuung zu Hause entscheiden zum Beispiel durch Au-Pair-Mädchen oder Kinderfrauen. 150 Euro monatliches Taschengeld dafür, dass zumeist Mütter sich vollkommen abhängig machen von ihrem verdienenden Partner. Um die  150 Euro pro Kind zu finanzieren, wird vielleicht jungen Familien auch noch das Elterngeld im ersten Jahr mit Kind gekürzt. Diejenigen, die sich mit Mitte Zwanzig noch gegen die Familienplanung entscheiden, sollen  das von ihren ersten Gehältern gleich mitfinanzieren. Das ist eine sichere Einnahmequelle in einem Land, in dem die Mütter durchschnittlich 30,3 Jahre alt sind, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. 

Immer noch verwirrt? Ich fasse zusammen: Durch das Betreuungsgeld spart sich die Bundesregierung den teuren Ausbau von Kita-Plätzen, den teuren Ausbau des Elterngeldes, verlagert die Ausbildung und Betreuung von Kindern zurück an Herd und Heim und drängt insbesondere Frauen in ein konservatives und völlig überholtes Rollenmuster zurück.  Und das alles für den Schnäppchenpreis von nur 150 Euro im Monat.

Die Autorin: Katja Rom, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Berliner Büro

Blog